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Achtern mit Steuermann

Fotos
Ulrike Myrzik

Text
Annika Jochheim

Ein Schulbesuch besonderer Art

Die Kunst des Fahrens mögen viele beherrschen, doch die Kunst des Chauffierens erlernen die wenigsten. Kein anderer weiß das besser als Hugh Millington. Der Engländer betreibt seine eigene kleine Chauffeurschule.

Die Farbe des Himmels lässt das Grau der asphaltierten Straße vor Neid erblassen. Dauerregen füllt beständig die Pfützen, die bereits zu kleinen Seen angewachsen sind. Schnell wird klar: Das hier ist England – mit allem, was dazugehört.

Hugh Millington kann dieses Wetter nichts anhaben. Mit dunkelblauem Anzug, gestrecktem Rücken und schwarzem Regenschirm steht er vor dem alten Steinhaus im nordenglischen Wetherby, zirka 12 Meilen von Leeds entfernt, und bezeichnet den Wolkenbruch liebevoll als „a few raindrops“. Die Mütze, die er auf dem Kopf trägt, verrät schnell: Hier steht ein waschechter Chauffeur.

Man fährt CEOs, Stars, Schauspieler. Die haben die abstrusesten Ideen und Wünsche, brauchen mal eben einen Luxusfüller oder möchten sich gerade noch die Fingernägel maniküren lassen. Ein Chauffeur muss immer angemessen reagieren können.
Hugh Millington

Einen besseren seiner Art findet man wohl an keinem anderen Ort. Hier, im Vereinigten Königreich, wird der Adel schließlich noch hochgehalten und die königliche Familie hat mehr Fans als der Osterhase. Deshalb ist auch Thomas Jüttner heute hier. 1.500 Kilometer ist der Audi-Vorstandsfahrer gereist, um sich von Hugh in die Regeln der britischen Chauffierkunst einweihen zu lassen. Ge spannt erwartet er den Tag mit seinem Lehrer, einzig und allein das Wetter macht ihm Sorgen: „Schmutzränder am Auto sind gar nicht gut. Das muss ich noch putzen, bevor wir die praktischen Übungen machen.“

Hugh, der regelmäßig Chauffeurkurse anbietet, ist begeistert. Selten hat er einen Schüler, der gleich an solche Details denkt. Gleichwohl wundert er sich nicht, denn er weiß, dass Thomas schon seit zwei Jahren die Vor stände von Audi chauffiert. Dass er trotzdem den weiten Weg auf sich genommen hat, um die Chauffeurschule in Yorkshire zu besuchen, freut den Briten und bald darauf fachsimpeln die beiden auch schon über die goldenen Regeln des perfekten Chauffierens.

Der kleine Chauffeur-Knigge
Fünf Regeln des perfekten Chauffierens

1
Was im Auto passiert, das bleibt auch dort
Ein Fahrer hört und sieht sehr viel.
Egal was – ein Chauffeur spricht niemals darüber.
Absolute Diskretion ist das A und O.

2
Wie aus dem Ei gepellt

Ein gut sitzender Anzug mit weißem Hemd,
dunklen Schuhen und passenden
Socken, dazu natürlich eine frische Rasur:
Das macht zwar noch keinen Chauffeur,
ist aber ein guter Anfang.

3
Auch Autos brauchen Pflege

Krümel auf dem Rücksitz oder Staub auf der
Kühlerhaube? Kommt nicht in Frage!
Das Basis-Set Putzmittel im Kofferraum ist
selbstverständlich.

4
In die Defensive gehen

Einem anderen die Vorfahrt nehmen, bei Gelb
über die Ampel rasen und rechts überholen:
Das bringt wohl Punkte – aber eher in Flensburg als
auf der Wohlfühlskala des Fahrgastes.
Zu den Regeln im Geschäft gehört daher sicheres
und defensives Fahren.

5
Einfach mal die Klappe halten

Wer jemanden fährt, der für gewöhnlich von
Termin zu Termin hetzt oder ständig
im Rampenlicht steht, muss sich bewusst sein:
Das Auto ist für den Fahrgast vielleicht
die einzige Rückzugsmöglichkeit, die er
an diesem Tag hat. Also Mund zu und Augen auf.
Wenn der Gast in Plauderstimmung ist,
wird er sich schon melden.

„Kein Gast mag es, in einem fahrenden Aschen­becher zu sitzen. Rauchen im Auto ist also keine gute Idee“, empfiehlt Hugh seinem Schüler. Richtig ist, kräftig zu lüften, sollte doch mal jemand bei der Fahrt zum Glimm­stängel gegriffen haben. Wie damals, als er einen Marihuana rauchenden Popstar zu einem Konzert fahren sollte: „Da hilft nur eins: Fenster runter und aufs Gaspedal drücken.“

Nicht gestattet ist es aber natürlich, die erlaubte Geschwindigkeit zu überschreiten. Was tut man also, wenn der Gast es eilig hat und den Chauf­feur drängt, schneller zu fahren? Meist reicht es schon, den Anschein zu erwecken, also etwas härter anzufahren und abrupter zu bremsen. „Ein Chauffeur ohne Führerschein ist am Ende eben ein Chauffeur ohne Führerschein“, schließt Hugh mit unanfechtbarer und klarer Logik und ist schon beim nächsten Thema: Wünsche erfüllen – das A und O seiner Profes­sion. „Man fährt ja nicht irgendwen. Man fährt CEOs, Stars, Schauspieler. Die haben die abstrusesten Ideen und Wünsche, brauchen mal eben einen Luxusfüller oder möchten sich gerade noch die Fingernägel maniküren lassen. Ein Chauffeur muss immer angemessen reagieren können.“ Gut also, wenn man ein Backoffice hat, das in solchen Fällen Rat weiß. In Hughs Sovereign Chauffeur Company, die er neben der Schule betreibt, ist dafür seine Lebensgefährtin zuständig. Sie nimmt Aufträge an und verteilt sie auf die insgesamt sechs Chauffeure. Manchmal hilft sie aber auch mit der Recherche nach außergewöhnlichen Zielen – und eben dabei, das Unmögliche möglich zu machen.

Ungewöhnliches gehört auch für die Fahrer der Audi-Chefs zum Alltag. Erst kürzlich habe er einen Vor­stand aus einem Stau „gerettet“, berichtet Thomas. „Die Autobahn war voll gesperrt, der Vorstand, unterwegs mit einem anderen Chauffeur, stand mittendrin, musste aber zu einem sehr wichtigen Termin.“ Über Landstraßen und Feldwege war der 38-Jährige dann von der Seite ganz dicht an die entsprechende Stelle der Autobahn herangefahren, um den Vorstand aufzunehmen und an sein Ziel zu bringen. Langweilig wird es als Vorstandsfahrer eben nie.

Über Langeweile kann sich auch Hugh nicht beklagen. Sein Kundenkreis ist bunt gemischt. Von Unter­nehmern über Musiker bis hin zu Adligen, alle hat er schon gefahren. Jeden seiner Gäste begrüßt er mit den Worten: „Hallo, ich bin Hugh, ihr Chauffeur.“ Seinen Nachnamen nennt er dabei nicht, denn das, erklärt er seinem Schüler, sei einfach Sitte in der britischen Chauffeurgilde. „Viel­leicht kommt das vom typischen englischen Butler ‚James‘. Der hat ja auch keinen Nachnamen“, sinniert Hugh, „und ein Chauffeur ist ja auch ein Diener, eben ein ‚Butler on wheels‘.“ Hugh passt in dieses Bild: Seine Haltung wirkt immer etwas steif und seine Worte, die er mit wohlklingender Stimme akzentuiert und deutlich formuliert, sind stets bewusst gewählt. Er ist die Höflichkeit in Person, zuvorkommend und galant.

Selbst als er die Geschichte der Tennisspielerin erzählt, die er nach Wimbledon fahren sollte, bleibt Hugh Meister der britischen Korrektheit. Mit wohldosierten Gesten und ruhiger Stimme berichtet er, wie sich die junge Sportlerin unbedingt neben ihn auf den Beifahrersitz setzen wollte. Während der Fahrt sei ihr dann zu warm geworden, weshalb sie sich kurz entschlossen ihrer halterlosen Strümpfe entledigte. Er habe, erzählt Hugh mit unbewegter Miene, natürlich stur auf die Fahrbahn geschaut. Einzig und allein ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel verrät, dass ihn die Geschichte doch amüsiert hat. Eben ganz der Gentleman.

Ein anderes Verhalten würde dem 55-Jährigen auch gar nicht stehen. Nicht umsonst ist er vor der Gründung seiner Chauffeurschule Bestat­tungs­­unter­neh­mer gewesen. Als er schließlich nach einer neuen Berufung suchte, wurde ihm schnell klar, dass sich seine Um­gangs­formen problemlos mit der Tätigkeit des Chauffeurs verbinden lassen würden. „Etikette und Ma­nieren sind bei beiden Berufen absolut gefragt“, erläutert er.

Mittlerweile schaut er auf 15 Jahre zurück, in denen sein Unter­nehmen in Wetherby stets gewachsen ist. Seine sechs Mitarbeiter, die er natürlich alle selbst geschult hat, sind ständig im Einsatz. Dabei besitzen viele der Stammkunden eigene Wagen, in denen sie gefahren werden möchten. Die drei Autos seiner kleinen Flotte kommen aber trotzdem zum Einsatz, denn es gibt natürlich auch Kunden, die das komplette Paket buchen, also Fahrer und Auto. „Die wollen dann meistens von einem Bahnhof oder Flughafen abgeholt und zu einem Meeting in ein Hotel oder zu einem Bürogebäude gefahren werden“, weiß Hugh.

Trotz der Distanzen, die ein Chauffeur im Auto zurücklegt, verbringt er einen Großteil der Arbeitszeit mit Warten. Auch Hugh hat schon an den unterschiedlichsten Stellen gewartet. Einmal stand er acht Stunden vor dem Londoner Nobelkaufhaus Harrods. „Das Schlimmste daran war eigentlich, dass ich nicht wusste, wann die Kundin zurückkommt. Sie hatte mir nichts darüber gesagt und so konnte ich noch nicht einmal zur Toilette gehen“, erinnert sich Hugh. Da Warten aber nun einmal Teil des Chauffeurjobs sei, habe er immer ein Buch oder eine Zeitung dabei. Ein Nickerchen im Wagen? „Absolut verpönt“, schärft Hugh seinem Schüler ein. Der weiß das natürlich – und hat seine eigene Strategie: „Wenn ich auf meinen Fahrgast warte, dann putze ich meistens das Auto noch einmal.“

Und genau das machen Lehrer und Schüler dann auch, bevor es auf die Straße geht: Jedes Wassertröpfchen, das der unvermeidliche nordenglische Regen auf dem Audi A8 W12 hinterlassen hat, weicht den erfahrenen Polier­bewegungen der beiden Chauffeure. Für ein paar Minuten spielt sogar das Wetter mit und Thomas kann seinen Chauffeurtrainer Hugh trockenen Fußes – und trockenen Autos – von seinen Fahrkünsten überzeugen. Auch im ungewohnten Linksverkehr.