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Check London

Fotos
Manfred Jarisch

Text
Paul-Janosch Ersing

Daten-Power in Audi City

Ein realer Cyberstore im Herzen der britischen Metropole: Seit Mitte 2012 präsentiert Audi City am Piccadilly Circus auf kompaktem Raum die gesamte Modellvielfalt der Marke – vollständig digital.


Virtuelle Realität:
Die raumhohen Videowände stellen das komplette Modellangebot von Audi originalgetreu dar.

Gute Nachbarschaft:
Das geschäftige Treiben der Piccadilly Street vor der Eingangstür.

Auf der Piccadilly Street im Londoner Stadt­teil Mayfair herrscht geschäftiges Treiben. Der bunte Menschenstrom auf dem breiten Bürgersteig reißt nicht ab. Die Londoner genießen den sonnigen Spätsommer­tag und die Touristen freuen sich über das unerwartet gute Wetter. Hinter hohem Schaufensterglas dreht sich ein Audi RS 4 Avant in Sepang­blau Perleffekt gemächlich um sich selbst. Jedes Detail lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven bewundern – etwa der Singleframe-Grill mit Wabengitter in hochglänzendem Anthrazit. In der Seitenansicht kommt die sportliche Silhouette des Hochleis­tungskombis besonders gut zur Geltung.

Doch das Auto ist nicht real, es erscheint auf einer 2,67 Meter hohen und 4,60 Meter breiten Videowand. Ihre mehr als zwei Millionen Bildpunkte lassen die Grenze zwischen virtueller und realer Welt für einen Moment verschwimmen. Mit einem Fingerzeig öffnet James Duggan die Heckklappe und blickt prüfend ins Wagen­innere. Er wirkt zufrieden und schließt sie wieder. Kurz darauf ertönt der satte Sound des Motors und der RS 4 Avant fährt in einer weit gezirkelten Schleife davon.

James Duggan arbeitet in einer Londoner Anwalts­kanzlei. Seit er seinen eigenen Audi RS 4 Avant vor zwei Monaten bestellt hat, nutzt der Mann aus Sussex die Mittagpause besonders gerne für einen Besuch bei Audi City: „Ich finde es toll, dass ich mein zukünftiges Auto hier jeden Tag in Originalgröße bewundern und sogar hören kann.“ Die Wartezeit bis zur Auslieferung in wenigen Wochen lasse sich auf diese Art und Weise ganz wunderbar überbrücken.

Seit Juli 2012 präsentiert Audi nur wenige Häuser­blocks vom Piccadilly Circus entfernt sein gesamtes Modell­ange­bot. Da erstmals ein völlig neuartiges Konzept zum Einsatz kommt, reichen dafür 420 Quadratmeter Ausstel­lungs­fläche auf zwei Etagen vollkommen aus: Sämtliche Fahrzeug­konfigurationen lassen sich auf den raumhohen Powerwalls originalgetreu und in allen verfügbaren Farben darstellen – auf einer Gesamtfläche von rund 50 Quadratmetern Videowand.

So macht Audi City den Autokauf bereits vor der ersten Probefahrt zum Erlebnis. Unter der Anleitung speziell geschulter Mitarbeiter können die Besucher ihr Wunschauto selbst konfigurieren: Tische mit großen, berührungsempfindlichen Bildschirmen zeigen die ganze Vielfalt der Audi-Welt in HD-Qualität. Wie auf einem Tablet-PC kann der Kunde mit Fingergesten durch die Menüs surfen und alle möglichen Funktionen und Features erkunden. Mit einer einzigen Handbewegung wird das Fahrzeug schließlich auf die Powerwall übertragen. Dort ist es dann im Größenverhältnis von nahezu 1:1 erlebbar.

Dank eines ausgeklügelten dynamischen Akustik­sys­tems mit 40.000 Watt Gesamtleistung ertönen vor jeder Video­wand genau jene Klänge, die zum ausgewählten Auto und zu den dargestellten Inhalten passen – Motorensound, spezielle Musik, gesprochene Informationen. „Und wenn gerade kein Kunde vor einer Powerwall aktiv ist“, erklärt Audi City-Mitarbeiter Romain Nogues, „läuft Hintergrundmusik, die zur jeweiligen Tageszeit passt.“ Er nimmt ein Touch-Tablet in die Hand und wischt mit dem Zeigefinger über den Screen: „Hiermit kann ich von überall aus die virtuelle Umgebung ändern, indem ich Lautstärke und Beleuchtung regle.“ Die stimmungsvolle Musik, die sich eben noch im gesamten Raum ausgebreitet hatte, verebbt allmählich.

Audi City London Piccadilly Circus

3ausgestellte Fahrzeuge
2Stockwerke
842m²Bruttogeschossfläche
420m²Ausstellungsfläche
2Customer Private Lounges für individuelle
  Beratung mit eigener Multimedia-Wand

Technische Ausstattung

4 raumhohe Multimedia-Leinwände  (Powerwall) mit insgesamt 54 m² Fläche  und je zwei Millionen Pixeln
7 Multitouch-Table-Konfiguratoren mit
 32-Zoll-Monitoren
17 Hochleistungsrechner
3 Server
  Ausführungsplanung
  Raumwerk Architekten, Frankfurt

Omar Istalifi scheint davon nichts zu bemerken. Der Besucher konzentriert sich voll und ganz auf die Feinheiten des Audi-Konfigurators, der auf dem Touch-Table vor ihm angezeigt wird: Gerade stattet er einen Audi TT Roadster mit dem S Line-Paket aus. Seine beiden Freunde, Kai und Oliver, kontrollieren aufmerksam jeden einzelnen Schritt und geben Tipps: „Willst Du nicht lieber die 18-Zoll-Räder nehmen?“ Omar runzelt die Stirn, denn das ausgewählte Fünf-Speichen-Design gefällt ihm am besten. Die drei jungen Männer arbeiten gemeinsam in einem Unter­nehmen für Softwareentwicklung und sind zum ersten Mal bei Audi City. „Wir haben im Internet davon erfahren und wollten uns heute einen eigenen Eindruck verschaffen“, erzählt Omar, der sich vorstellen könnte, öfters im „virtuellen Audi-Autohaus“ vorbeizuschauen. „Die Technologien hier sind auf jeden Fall beeindruckend.“

Die Fäden von Audi City laufen in einer ehemaligen In­dustriehalle in Ingolstadt zusammen, hier hat auch die Projekt­leitung ihren Arbeitsplatz. „Seit über zwei Jahren arbeiten wir mit vollem Einsatz am Gelingen des Projekts“, blickt Thomas Zucht­riegel auf die Zeit vor dem Startschuss zurück. Die technischen Besonder­heiten des Systems seien Vollständigkeit und Detailtreue der unterschiedlichen Audi-Baureihen. „Derzeit liegen rund 900 Gigabyte Daten auf unseren Servern, pro Modell sind es etwa 20 bis 30 Gigabyte.“ Sobald ein neues Modell oder eine neue Variante Premiere feiert, werden die aktualisierten Daten online von Ingol­stadt zu den Audi City-Standorten übertragen und auf die dortigen Hochleis­tungsserver eingespielt. „Für die Besucher soll das Kon­zept selbsterklärend und kinderleicht zu bedienen sein“, berichtet Zuchtriegel – eine große Herausforderung: „Dafür haben wir viel Zeit investiert.“ Oft arbeiten mehr als fünfzig Program­mierer zeitgleich im Ingolstädter Testlabor. „Um vor der Eröffnung neuer Standorte alles ausgiebig tes­ten zu können, haben wir hier in Ingolstadt einen kompletten Prototyp aufgebaut – mit Powerwalls und Touch-Tables.“

Körpereinsatz:
Die vielfältigen Funktionen von Audi City können durch Bewegungen und Gesten gesteuert werden.

Entsprechend viel Hightech versteckt sich daher auch in London hinter den Kulissen: Die unterbrechungsfreie Verteilung der Videosignale läuft über Glasfaser, mehr als hundert Kanäle lassen sich einzeln ansteuern. Die Spezialsoftware für professionelle Präsentationen und 3D-Darstellungen stammt von Ventuz, jede einzelne Powerwall und jeder der sieben Multitouch-Tables benötigt einen eigenen leistungsfähigen Rechner. „Wir haben in London rund 35 Kilometer Kabel verlegt – und zwar so, dass die Besucher kein einziges davon zu sehen bekommen.“ Der Mann, der das sagt, kennt sich in den Räumen an der Piccadilly Street aus wie kaum ein zweiter: Hans Joachim Thurner ist als Projektleiter schon von Be­ginn an für Audi City zuständig. „Gemeinsam mit englischen und deutschen Kollegen haben wir in London die technischen Voraus­setzungen für einen reibungslosen Betrieb geschaffen.“

„London war nur der Anfang“, erklärt Thomas Zucht­rie­gel. „In Peking ist Audi City vor Kurzem mit einer Videowandfläche von mehr als 90 Quadratmetern ans Netz gegangen.“ Auch im klassischen Audi-Händler­betrieb in Dubai sind bereits Powerwalls und Touch-Tables in Betrieb genommen worden, weitere Autohäuser werden folgen. In London steht an diesem Abend noch ein besonderer Mo­ment bevor: In dem mit einer Schiebetür abgetrennten Über­gabe­bereich von Audi City steht ein Audi R8 GT Spyder zur Auslieferung bereit – diesmal ein absolut reales Automobil. In wenigen Minuten wird der limitierte Supersportwagen abgeholt, Verkäufer Martin Roberts kümmert sich persönlich um die letzten Details: „Die Kennzeichen sind montiert und der Tank ist voll.“ Der Kunde, der sich vor einigen Tagen bei Audi City spontan in den R8 GT Spyder verliebt hatte, möchte noch heute damit über die Autobahn M1 nach Hause fah­ren. Pünktlich um 17 Uhr legen vier mit neonfarbenen Warn­wes­ten be­kleidete Mitarbeiter von Audi City zwei Rampen über den Bürger­steig und sichern ihn mit Absperrkordeln. Passanten bleiben stehen und beobachten die ungewöhnliche Prozedur mitten in der Innenstadt.

Vor wenigen Tagen war der R8 GT Spyder noch ein virtu­elles 3D-Modell auf einer der vier raumhohen Videowände, jetzt rollt das Fahrzeug mit der eingravierten Nummer 231 (von 333) langsam aus dem Gebäude. Und auch der Klang des V10-Triebwerks ist diesmal absolut real.

Auslieferung:
Viele der Autos, die als 3D-Modell im Maßstab 1:1 auf einer der Videowände individuell konfiguriert werden, kommen bereits wenige Wochen später in Kundenhand – dann ganz real.