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Dark Rider

Text
Johannes Köbler

Fotos
Heinrich Hülser
Manfred Jarisch

Er ist ein Revolutionär, aber er trägt Anzug.

Er ruht in der DNA der Marke und weist zugleich Wege in die Zukunft. Mit dem Showcar Audi prologue starten Designchef Marc Lichte und sein Team in eine neue gestalterische Ära.

Audi-Ikone:
Der breite und flache Singleframe des Showcars visualisiert Kraft und sportliche Präsenz.

Ortstermin in einem Studio in Ingolstadt. Das Lampenlicht fließt über ein großes, elegantes Coupé. Drei Männer und eine Frau begutachten das Auto in allen Details – Designchef Marc Lichte und einige seiner Top-Mitarbeiter. Lichtes langjähriger Weggefährte Andreas Mindt verantwortet das Exterieurdesign, Ulrich Beierlein leitet die Interieur-Architektur, und Simona Falcinella ist für Color & Trim zuständig.

Marc Lichte ist Anfang Februar 2014 von Volkswagen zu Audi gewechselt, und seitdem hat er mit seinem Team eine umfassende neue Designstrategie entwickelt. Als „signature car“ macht der Audi prologue, das Showcar für die Los Angeles Auto Show, Lichtes großes Ziel lesbar: „Ich will der Marke Audi ein Gesicht geben, das ihre Stärken noch klarer ausdrückt – die Progressivität, die Hochwertigkeit, die Sportlichkeit.“

Wer neue Perspektiven eröffnen will, muss alte Grenzen überschreiten. Marc Lichte, 45 Jahre jung, ist einer, der frei im Kopf ist, der vor Energie und Tatendrang übersprudelt, der mit seinem Optimismus begeistert und mitreißt. Der Designchef kniet sich vor die Front des Showcars und fängt gleich an zu erklären: „Wir haben den Singleframe-Grill viel flacher und breiter gemacht. Er sitzt tiefer in der Front, die inneren Enden der Scheinwerfer ziehen über seine Ecken. Jetzt wirkt die ganze Front extrem breit und sportlich.“

Das Showcar Audi prologue ist ein Revolutionär, der sehr viel Stil hat. Er tritt nicht laut auf, aber entschieden. Er weist Wege in die Zukunft, doch er entwertet die Vergangenheit nicht. Auch auf große Entfernung ist er sofort als Audi zu erkennen – mit seinem athletischen Körperbau, den muskulös gespannten Flächen und den scharfen Kanten.

„Keine Linie führt ins Nichts“, sagt Lichte, „Audi-Design ist immer logisch. Die Blades unter den Lufteinlässen beispielsweise setzen sich an den Seitenschwellern fort, die Linie läuft um das ganze Auto herum. Das Gleiche gilt für die Spoilerkanten.“ Im Singleframe sind die horizontalen Lamellen als Lochblenden ausgeführt – „ein klassisches Leichtbaumotiv wie einst beim Auto Union-Rennwagen“, erläutert Lichte. „Und in den Scheinwerfern präsentieren wir schon die Matrix Laser-Technologie der nächsten Generation. Das Design und die Technik gehen bei uns immer Hand in Hand, mit großer Liebe zum Detail.“

Andreas Mindt nimmt den Ball auf. „Im Audi-Design gibt es Elemente mit ikonischem Status, die wir nicht antasten“, erklärt der Leiter Exterieurdesign. „Das sind der Singleframe, der fließende Dachbogen mit der Fenstergrafik und natürlich das Thema quattro. Beim Audi prologue haben wir das vordere und das hintere Rad genau gleich stark betont. Das ist für uns quattro – die Kraft aus der Mitte. Mit den breiten, flachen Monden um die Radhäuser machen wir das Blechvolumen optisch kleiner.“

„Die Schulterlinie“, erklärt Mindt weiter, „verläuft hoch über den Rädern und bildet stark ausgewölbte Kanten. Sie erinnern an die Blister des Urquattro – aber wir haben sie nicht additiv aufgesetzt, sondern harmonisch ins Design integriert. Der vordere Muskel zieht die Motorhaube in den Karosseriekörper hinein und lässt sie dadurch noch länger wirken.“ Über der Tür verläuft eine dritte, niedrigere Linie. Sie holt den Schwerpunkt optisch nach unten und macht das Auto damit noch sportlicher. Andreas Mindt: „Wir haben dem Blechkörper eine Taille und starke Einzüge am Heck gegeben – er ist sinnlich und verführerisch.“

In jedem Detail inszeniert der 5,10 Meter lange Audi prologue die Souveränität des sportlichen Reisens und die Schönheit der Technik. Die Lackierung im Kristalleffekt-Ton Divagrau verleiht der Außenhaut einen warmen, seidigen Schimmer. Ein Rahmen aus Aluminium fasst die Seitenfenster ein, am Ende der flachen Dachkuppel läuft er in einer breiten Leiste aus. Auf der rechten Flanke des Showcars birgt dieser Bereich den elektrisch betätigten Tankdeckel. In den Fensterschachtleisten sitzen beleuchtete Berührungssensoren, Elektromotoren drücken die Türen einige Zentimeter weit auf.

Wie bei einer Jacht neigt sich das Heck des Audi prologue in Fahrtrichtung – es schiebt das große Coupé schon im Stand an. Andreas Mindt erläutert die Finessen des Designs. „Die konkav gewölbte Heckscheibe ist, typisch für ein großes Coupé, fest eingesetzt, aber ihr Schnitt bringt uns trotzdem eine relativ große Beladeöffnung. Die Heckleuchten bestehen aus 3D-Glas, das eine skulpturale Wirkung hat. Das Schlusslicht verbindet als Band beide Einheiten miteinander – ein Motiv, das wir vom Ur-quattro übernommen haben. Die Abgastrichter korrespondieren optisch mit den Leuchten. Sie sind in den höhenverstellbaren Diffusor integriert, der unsere Kompetenz bei der Aerodynamik zeigt.“

Das Interieur spiegelt den Charakter des großen Gran Turismo perfekt wider, wie Ulrich Beierlein, Leiter Interieur-Architektur, an der Sitzkiste zeigt: „Der Innenraum ist großzügig wie eine Lounge, alle Linien fließen in einem einfachen, ruhigen Zug. Der Wrap-around, unser großer Bogen, legt sich wie ein Horizont um die vorderen und hinteren Sitzplätze. Die Instrumententafel steht mit ihrem schlanken Look für den Leichtbau von Audi. Und die Mitteltunnelkonsole scheint ebenso zu schweben wie die vorderen Sitze.“

Schon beim Einsteigen empfängt das viersitzige Coupé seine Passagiere ausgesucht höflich. Eine intelligente Software, „Butler“ genannt, identifiziert sie anhand ihrer Smartphones und stellt die Sitze und die Klimaanlage nach ihren Vorlieben ein. Auch bei der Musik und der Routenplanung macht der „Butler“ Vorschläge, die den Präferenzen der Benutzer entgegenkommen.

Audi-Ikone: Der breite und flache Singleframe des Showcars visualisiert Kraft und sportliche Präsenz.

Als neuartige Einheit aus Technik und Designarchitektur präsentiert sich auch die Instrumententafel. Ihre durchgängige Vorderseite besteht aus drei flachen Touch-Displays. Zwei von ihnen sind für den Fahrer reserviert; mit dem dritten, einem Widescreen- Display, kann der Beifahrer Infotainment- und Navigationsdateien konfigurieren und sie dem Fahrer per Wisch-Geste schicken. „Kommunikation hat bei Audi Tradition“, sagt Beierlein mit einem Augenzwinkern, „schon Christian Geistdörfer war in der Rallye-WM der Reiseleiter für Walter Röhrl. Wir setzen hier voll auf die Touch-Technik – der Kunde will im Auto das wiederfinden, was er von seinem Smartphone kennt.“

Die Mitteltunnelkonsole birgt ein weiteres, superschlankes Display aus organischen Leuchtdioden (OLED). Beim Start des Autos richtet es sich schräg auf, ergonomisch perfekt. Im ebenfalls digitalen Audi virtual cockpit future erzeugen drei Spiegel faszinierende 3D-Bilder von hoher Tiefenwirkung. „Das Bedien- und Anzeigekonzept in unserem Showcar“, sagt Beierlein, „ist mehr als ein neues Stück Technik. Es ist echte Ingenieurskunst.“

Progressiv und sinnlich: Der Audi prologue gibt dem Charakter der Marke einen neuen Ausdruck.

Das Interieur des Audi prologue bildet eine Erlebnislandschaft für die Sinne, sämtliche Details dokumentieren die sichere Hand der Designer und den kompromisslosen Qualitätsanspruch der Marke. Eine Lochblende deckt das Luftausströmerband ab; wird die Klimatisierung höher gestellt, fährt sie nach unten weg. LED-Lichtleiter zeichnen die großen Linien des Innenraums nach. Die Aluminiumspange, die die Lenkradspeichen bildet, harmoniert mit den Leisten an den Fahrer-Displays und den Zuziehgriffen der Türen. Bei allen Aluminiumteilen sind die Flächen mattiert und die Kanten poliert – ein feines Spiel der Glanzgrade. Die Nähte auf den Sitz-Mittelbahnen erinnern an die Streben des Singleframe-Grills.

Alle Farben und Materialien im Showcar unterstreichen den Eindruck von Weite, Ruhe und Gelassenheit. Simona Falcinella, Leiterin Color & Trim, erläutert ihr Konzept: „Wir benutzen kühle und warme Töne – in einigen Bereichen wird das Licht reflektiert, in anderen absorbiert.“ Das neue, samtige Leder Passion, das die Flächen der Sitze abdeckt, und das Nubukleder an ihren Rückseiten sind hell gefärbt. Am Wrap-around und an der Instrumententafel setzen unterschiedliche Braun- und Grautöne Akzente.

Auch die Dekoreinlagen faszinieren durch Kontraste – die Aluminiumleisten treffen auf Blenden aus silbergrauem Rüsterholz. Ihr offenporiges Furnier ist extrem fein geschnitten, damit es den fließenden Linien des Interieurs folgen kann. „Bei den Materialien im Audi prologue legen wir großen Wert auf Authentizität“, erklärt Simona Falcinella. „Luxus bedeutet für uns Natürlichkeit.“

Zum Abschluss des Termins zieht Designchef Marc Lichte Bilanz: „Der Audi prologue macht das hohe Können unserer Ingenieure erlebbar, am Exterieur und im Interieur. Unser Design kommt aus den Markenkernwerten heraus. Und wenn wir diese Essenz immer wieder filtern, wird Audi noch stärker als heute.“

Interview
Marc Lichte

Für mich ist hier bei Audi ein Traum in Erfüllung gegangen.

Herr Lichte, Sie sind jetzt schon einige Monate bei Audi. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Lichte: Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Schon nach meinem Designstudium in Pforzheim wäre ich 1996 beinahe zu Audi gegangen, habe mich dann aber für Volkswagen entschieden. Jetzt kann ich der Marke ein neues Gesicht geben. Das ist die spannendste und schönste Aufgabe, die ich mir vorstellen kann.

Wo steht das Audi-Design heute?

Lichte: Die vergangenen zehn Jahre waren eine Phase der nachhaltigen Markenprägung. Der Singleframe hat unseren Autos ein klares Gesicht verliehen, wie es unsere Hauptwettbewerber schon lange haben. Audi ist für mich die Designmarke überhaupt, vor allem, weil unser Design sehr langlebig ist. Es basiert auf den Regeln der Geometrie, auf dem Bauhaus, es kommt ohne Effekthascherei aus. Ich finde es faszinierend, wie lange unsere Autos im Straßenbild frisch bleiben. High-Tech im zeitlosen Gewand – das ist Audi, das zeichnet uns aus.

Was wollen Sie dann überhaupt ändern?

Lichte: In unseren Autos steckt noch viel Potenzial, um den Vorsprung durch Technik auszudrücken. Wir machen die Technik stärker sichtbar und erlebbar, im Interieur wie im Exterieur – die Connectivity, den Leichtbau, die Aerodynamik und natürlich den quattro-Antrieb. Wir haben ihn in jeder Baureihe, vom S1 bis zum A8, und wir werden ihn auf unterschiedliche Art im Design ausdrücken.

Wie spektakulär darf Audi-Design sein?

Lichte: Unsere Marke steht für nachhaltige Designentwicklung – unsere Autos werden nicht modisch sein, und sie bleiben selbstverständlich frei von Dekoration. Aber sie werden progressiv und sportlich, sinnlich, begehrenswert und sexy. Audi-Design wird auf der ganzen Welt funktionieren, weil es so stark ist.

Werden sich die einzelnen Baureihen künftig deutlicher voneinander unterscheiden?

Lichte: Die Studie TT offroad concept zeigt schon, wie wir uns ein künftiges Q-Gesicht vorstellen. Aber auch bei den Limousinen werden wir die Proportionen beim Körperbau und beim Gesicht gezielt zwischen Sportlichkeit und Status variieren. Mein Team und ich haben hier in kurzer Zeit eine ganze Matrix an Lösungen entwickelt. Wir werden die neue Formensprache von oben nach unten in der Modellpalette einführen.

Sind Sie ein Auto-Verrückter, Herr Lichte?

Lichte: Ich fürchte ja. Als ich ein kleiner Junge war, haben mich zwei Menschen geprägt. Der eine war mein Opa. Er war Künstler – er hat Skulpturen geschaffen, gemalt, alles Mögliche gebaut. Der andere war mein Vater. Er war Auto-Fan und Hobby-Rennfahrer, er hat an Berg- und Slalomrennen teilgenommen, und ich durfte immer dabei sein. Nebenher war er Segler, und auch diese Leidenschaft hat er mir vererbt.

Wie oft kommen Sie denn zum Segeln?

Lichte: Als ich noch keine Kinder hatte, war ich da ziemlich erfolgreich. Bei der Kieler Woche habe ich drei Mal die Regatta im Hochseesegeln gewonnen. Jetzt verbringe ich mit meinen beiden Mädchen die Urlaube und viele Wochenenden auf meinem Schiff auf der Ostsee. Dort hole ich mir die Kreativität – raus aus der Arbeit, rein in diese andere Welt, abschalten, auftanken. Das Design des Bootes, das ich zur Zeit segle, habe ich übrigens selbst modifiziert.

Was ist Ihnen in Ihrer Freizeit sonst noch wichtig?

Lichte: Im Winter fahre ich gern Ski. Und dann gibt es da eine Band aus Island, die Sigur Rós heißt. Die Jungs singen isländisch und haben einen sehr eigenen Sound, einer streicht die E-Gitarre mit einem Geigenbogen. Ich bin besessen von dieser Musik und höre sie jeden Tag – im Auto, zuhause und immer wieder während der Arbeit. Bei der letzten Tour in Deutschland bin ich zu allen fünf Konzerten gegangen.

Das Team

„Hier bei Audi brennen alle für die Marke“, sagt Marc Lichte.

Jede Kultur bringt ihren Input ein, und gerade die jungen Designer liefern besonders spannende Impulse. Wir stehen in einem sehr intensiven Austausch, vom kleinen Detail zum großen Ganzen.

Marc Lichte,
Leiter Audi Design

Marc Lichte ist 1,95 Meter lang, er macht große Schritte, und er macht sie sehr schnell. Seit der gebürtige Westfale im Februar 2014 von Volkswagen zu Audi gekommen ist, weht ein neuer, frischer Wind im Design der Marke.

Für Marc Lichte besitzt die Teamarbeit höchsten Stellenwert. Gleich in seinen ersten Tagen in Ingolstadt rief er seine Mitarbeiter zusammen, um mit ihnen das gemeinsame Leitbild zu diskutieren: Wofür steht Audi? Und wie geben wir den Werten der Marke eine neue Form? Seitdem folgten regelmäßig weitere Gesprächsrunden. Mit ihnen rückt die über 300-köpfige Ingolstädter Mannschaft, die wegen des Neubaus des Designcenters derzeit auf sieben Standorte verteilt ist, noch enger zusammen.

Das Design von Audi baut auf den Grundregeln der Geometrie auf. Es kommt ohne jegliche Form von Dekoration aus.

Marc Lichte, Leiter Audi Design

Teamgeist ist für Marc Lichte keine Frage von räumlicher Nähe. Der Designchef bindet die Konzern-Studios in München, Potsdam, Santa Monica (Kalifornien) und Peking fest in seine Projekte ein, lässt sie miteinander und mit Ingolstadt konkurrieren. „Wir haben Kollegen aus etwa 30 Ländern in unserem Team“, sagt Marc Lichte. „Jede Kultur bringt ihren Input ein, und gerade die jungen Designer liefern besonders spannende Impulse. Wir stehen in einem sehr intensiven Austausch, vom kleinen Detail zum großen Ganzen.“

Die Erwartungshaltung, die Marc Lichte bei seinem Amtsantritt vorgefunden hat, war groß. Jetzt, zehn Monate später, hat sich seine neue Linie in den Köpfen etabliert, drei künftige Serienmodelle sind bereits abgesegnet. Der Designchef schwärmt von seinem Arbeitsumfeld: „Hier bei Audi brennen alle für die Marke – vom Wachmann, der mich morgens freundlich anspricht, bis zum Vorstand. Jeder will etwas bewegen, und jeder in meinem Team zieht voll mit. Unsere Vision wird jeden Tag ein Stück konkreter. Und ich denke mir immer wieder: Was ist das für eine tolle Mannschaft!“