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Silver Eye

Text 
Hermann Reil

Fotos
Michael Agel, Leica Camera AG

Präzision, Reduktion, Innovation, Qualität

Nach denselben hohen Maßstäben wie bei den Automobilen gestaltet Audi Design auch Produkte für Kooperationspartner. Etwa für den renommiertesten Kamerahersteller der Welt – Leica.

Innovation im Design: 
Mit seinen neuen Kameramodellen punktet Leica auch im Design. In der Zusammenarbeit mit Audi entstehen Formen von klarer Kraft.

1.156 Gramm fühlbare, sichtbare, erlebbare Präzision. Ein Konzept höchster Reduktion. Ein Design mit absoluter Konsequenz. Und eine Technologie, die selbstverständlich State-of-the-Art ist.

Nicht von einem Automobil ist hier die Rede, das macht schon die Gewichtsangabe deutlich. Alle weiteren Eigenschaften jedoch könnten auch auf einen Audi zutreffen. Und damit ist eines der Ge­heimnisse gelüftet, die die Zusammenarbeit zwischen Audi Design und der Leica Camera AG so besonders machen: Man tickt ganz ähnlich.

Leica ist ein großer Name in der Welt der Foto­grafie: Hier wurde das Kleinbildformat erfunden, hier stellt man die besten Objektive her, und hier schuf man die M – jene legendäre Messsucherkamera, deren Re­portagefotos aus der ganzen Welt längst zum visuellen Gedächtnis der Menschheit gehören. Auch heute gilt die M für viele noch oder wieder als Inbegriff der Foto­grafie und als das einzig wahre Werkzeug für den Kre­ativen – seit Leica die Kamera auf einem ganz eigenen Weg erfolgreich in das digitale Zeitalter geführt hat.

Eine solche Legende in die Zukunft zu tragen, sie optisch völlig neu zu interpretieren und dabei die DNA der Marke und des Produkts eindeutig zu be­­wahren – das gehört mit zum Schwierigsten, was ein Designer zu leisten hat. Aber natürlich auch zum Span­nendsten.

Zum 60. Geburtstag der Leica M hat Audi De­sign diese Aufgabe ohne Frage mit Bravour bewältigt – genauer gesagt der Bereich Produktdesign in Mün­chen. Die Gestalter dort sind vor allem außerhalb der Automobilwelt aktiv und kooperieren mit renommier­ten Marken. Und selbstverständlich wird ihre Arbeit dabei von derselben Konsequenz und Qualität getragen, wie man sie auch von den Automobilen mit den Vier Ringen her kennt. „Zum Jubiläum unseres M-Systems wollten wir nichts Rückwärtsgewandtes machen, sondern die Kern­werte unserer Marke auf innovative Weise umsetzen“, erinnert sich Stefan Daniel, bei Leica verantwortlich für den Bereich Fotografie. Eine entscheidende Idee hatte er schon: Das Jubiläumsmodell sollte kein Display haben. Kein Display! Eine hochklassige Digital­kamera ohne die Möglichkeit, das Bild sofort nach der Auf­nah­me zu kontrollieren, das erscheint zunächst einigermaßen abstrus.

Und doch, sagt Stefan Daniel, ist es nur kon­sequent. Leica steht für absolute Reduktion auf das Wesentliche. Bei einem Foto sind das – neben Auge und Gefühl des Fotografen für das Motiv natürlich – eben Schärfe, Blende, Zeit und Empfindlichkeit. Zudem kam die M in den ersten fünf Jahrzehnten ihrer 60-jährigen Geschichte ebenfalls ohne Display aus – schlicht, weil man analog auf Film fotografierte. Und Leica produziert noch heute analoge Versionen der M, hat erst ein Modell völlig ohne Elektronik neu präsentiert. Kon­sequent, für Puristen.

Zum Jubiläum unseres M-Systems wollten wir nichts Rückwärtsgewandtes machen, sondern die Kernwerte unserer Marke auf innovative Weise umsetzen.

Stefan Daniel

LEICA M EDITON 60

Jubiläum ohne Retro: 
Die Sonderserie Leica M Edition 60 interpretiert die Urform der Kleinbildkamera in neuer Konsequenz.


Maximale Konzentration: Einschalter, Zeitenring, Auslöser – mehr braucht die Leica M Edition 60 nicht. Und ein unauffälliges Knöpfchen für die Sucheranzeigen …

Wer keine Innovationen haben will, wer nicht einen deutlichen Schritt vorangehen will, braucht Audi Design nicht zu beauftragen.

André Georgi

Der Designer:
André Georgi leitet das Audi Produktdesign und setzt auf eine extrem hochwertige Haptik – wie bei der Leica T mit ihrem Gehäuse aus poliertem Aluminium.


Der Kamera-Mann:
Stefan Daniel verantwortet bei Leica Camera die Fotografie-Produkte und baut auf Differenzierung durch Qualität, Design und Bedienung.

Klassische Tugenden waren also gefragt, maximale Reduktion – aber auf keinen Fall ein Design mit Retro-Anmutung. Eine ideale Aufgabe für die Gestalter bei Audi Design. „Leica ist ein traumhafter Partner für uns“, sagt André Georgi, der den Bereich Produktdesign in München leitet. „Das Gefühl für Qua­li­tät und der hohe Anspruch verbinden uns. Es gibt auf beiden Seiten ein klares Gefühl dafür, wie ein Produkt sein muss.“

Und so hat das Team von Audi Design für Leica eine neue Ikone geschaffen: Die Leica M „Edition 60“ trägt die traditionellen Grundelemente der M in die Zu­kunft, reduziert wurde jedoch bis ins Extrem: Oben auf der Kappe blieben nur der Auslöser mit Ein-Schalter sowie das Zeitenrad, auf der Rückseite das Einstellrad für die Empfindlichkeit. Natürlich gibt es noch die Fens­ter des Messsuchers – das ist dann aber auch schon alles.

„Mit der M muss man sehr behutsam umgehen, so wie mit jeder Ikone“, sagt Audi-Designer André Georgi. „Die klassische Dreiteilung Metall-Leder-Me­­­tall haben wir beibehalten, allerdings in neuen Proporti­onen. Die Grundform soll die Präzision so exakt wie möglich zeigen. Jeder einzelne Radius ist perfekt definiert. Mit einem Radius von 0,2 Millimeter fühlt sie sich fast schon kantig an. Das umlaufende Lederband hat keine sichtbare Trennfuge, es soll wie ein massiver Block wirken.“

Was Georgi mit schlanken Worten beschreibt, ist das Ergebnis eines harten Ringens, zwischen De­signer und Techniker, zwischen formalem Anspruch und Produzierbarkeit, zwischen Konsequenz und Kosten. In diesem Fall aber auch zwischen Dienst­leister (Design) und Kunde (Hersteller). „Natür­lich kämpfen wir um unsere Ideen“, stellt André Georgi klar. „Wer keine Innovationen haben will, wer nicht einen deutlichen Schritt vorangehen will, braucht Audi Design nicht zu beauftragen.“ Im Fall der Leica-Koope­ration ist der Kunde um diesen Kampf aber dankbar, denn „nur in der Reibung, in der langen Diskussion entsteht die be­st­mögliche Lösung“, pflichtet Leica-Manager Stefan Daniel bei.

Leica Camera hat eine sehr hohe Fertigungs­tiefe, auch die Gehäuseteile entstehen weitgehend in der neuen Fabrik in Wetzlar. Bei der Leica M Edition 60 ist diese Produktion stark gefordert: Die Gehäuse­teile sind ebenso wie die Metallteile des Objektivs aus Edelstahl gefräst. Das ist sehr viel aufwendiger und natürlich auch teurer als das Fräsen aus Aluminium oder Messing. „Zum Glück haben wir eine hoch quali­fizierte Mannschaft, die solche Aufgaben bewäl­­tigt“, sagt Daniel. Dass die Edition 60 als limitiertes Sammlerstück ihren Preis hat, ist gerade bei der High­end-Marke Leica keine Frage. Mit 15.000 Euro in­klu­­sive Objektiv und viel Zubehör ist die Kamera um etwa 25 Prozent teurer als ein Serienmodell – was allerdings im Hinblick auf Exklusivität und Aufwand schon wieder fair erscheint.

Da wir aus der Welt des Automobils kommen, kennen wir nicht nur die Designthemen sehr gut, sondern wissen auch mit den Materialien richtig umzugehen – gerade mit Aluminium.

André Georgi

LEICA T

Aus dem Vollen:
Mit der T besetzt Leica das noch recht neue Segment der Systemkameras ohne Spiegel. Das von Audi Design entworfene Gehäuse wird aus einem Aluminiumblock gefräst.


Klare Logik:
Die Leica T besitzt ein neues Bediensystem mit Touchscreen, die Zahl der Schalter und Knöpfe ist sehr reduziert.

Ein weiteres Gemeinschaftsprojekt war min­destens ebenso ambitioniert. Ging es doch darum, mit einer zusätzlichen Produktreihe für die Marke Leica einen guten Schritt in die Zukunft zu gehen. Eine spiegellose Systemkamera war geplant, mit Wechsel­ob­jektiven und einem vergleichsweise großen Sensor für hohe Bildqualität. „Wir bewegen uns in einem extrem intensiven Wettbewerb“, sagt Stefan Daniel. „Natürlich muss ein neues Modell von Leica in der Bildqualität höchstes Niveau haben, aber eine Diffe­renzierung über technische Inhalte reicht nicht aus. Dazu braucht es Faktoren wie eine innovative und intuitive Bedienung – und eben ein starkes Design. Da müssen wir ein völlig anderes Level haben als unsere Konkurrenten.“

„Das ist bei Audi nicht anders“, weiß André Georgi. „Auch bei unseren Automobilen zählen das stimmige Konzept und das konsequent hohe Quali­tätsniveau. Für den Kunden muss dieser Anspruch stets spürbar sein.“ Dafür braucht es natürlich immer eine klare Idee. Beim Leica-Projekt mit dem Decknamen Taifun war dies der Unibody, ein Gehäuse, das komplett aus einem einzigen Block Aluminium gefräst und anschließend höchst aufwendig von Hand poliert wird. „Das ist der ultimative Qualitätsbringer“, schmunzelt Audi-Designer Georgi. „Da passt alles perfekt, und das Gefühl, wenn man die Kamera in der Hand hat, ist kaum zu beschreiben.“

Für den Leichtbau- und Aluminiumpionier Audi lag dieses Material sprichwörtlich auf der Hand. „Da wir aus der Welt des Automobils kommen, kennen wir nicht nur die Designthemen sehr gut, sondern wissen auch mit den Materialien richtig umzugehen – gerade mit Aluminium. Das ist sicher eine weitere Stärke von Audi Design“, ist André Georgi sicher. Die Produk­tion bei Leica hatte ebenfalls bereits Erfahrung mit der Be­ar­beitung dieses Metalls, musste aber mit neuen Ma­schi­nen und Prozessen deutlich „aufrüsten“.

„Weniger Fugen, keine Schrauben, minimale Radien – das ist unser kleines Qualitäts-Einmaleins, das wir mit jedem Partner umsetzen“, sagt André Georgi. Natürlich waren Reduktion und Konzentration auch bei der Leica T, wie das Serienmodell nun heißt, ein zentrales Thema. Nicht nur im Design, sondern auch in der Bedienung: Allein die Kernfunktionen haben Schal­ter, alles Weitere läuft über das berührungssensible Dis­play. „Eine solche Entwicklung bringt uns neue Er­fah­rungen, die wir auch ins eigene Unternehmen zurücktragen können“, weiß André Georgi. „Die Gestal­tung klarer Interfaces ist auch in der automobilen Welt ein zentrales Thema.“

Inzwischen ist aus der Kooperation zwischen den Designern in München und den Kamera­spezialisten in Wetzlar ein Stück Freundschaft geworden. Und längst arbeitet man gemeinsam an den nächsten Top-Pro­duk­ten – maximal reduziert, versteht sich.

Natürlich muss ein neues Modell von Leica in der Bildqualität höchstes Niveau haben, aber eine Differenzierung über technische Inhalte reicht nicht aus. Dazu braucht es Faktoren wie eine innovative und intuitive Bedienung – und eben ein starkes Design.

Stefan Daniel

LEICA M9 TITAN

Der Grundstein für die Zusammenarbeit mit Leica wurde im Jahr 2010 mit der M9 Titan gelegt, einer längst hoch begehrten Sammleredition der legendären Leica M. Konzipiert hatte das Design Walter de Silva, Leiter Konzerndesign bei Volkswagen, umgesetzt wurde es bei Audi Design in München. Ein weiteres Kooperationsprodukt ist die Kompaktkamera Leica C.

LEICA CAMERA AG

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren Fotoapparate groß, unhandlich und für einen Laien nicht zu bedienen. Den wirklichen Durchbruch zu einer praktischen, auch unauffälligen Alltags- und Reportagekamera konstruierte der Ingenieur Oskar Barnack 1914 mit der Leitz Camera, der Leica. In Serie ging die Kamera erst 1925, wurde aber zu einem großen Erfolg. 1954 wurde die Leica M präsentiert. Anstelle des früheren Schraubgewindes wurden die Objektive jetzt über ein Bajonett angesetzt, das wesentlich schnelleres Wechseln der Objektive ermöglichte. Lange Zeit war die Leica M das bevorzugte Arbeitsgerät der weltweit führenden Reportagefotografen. Mit der Leica M8 begann 2006 das Digitalzeitalter, heute wird die M in erster Linie von ambitionierten Amateuren und Profis genutzt, die besonders unauffällig arbeiten wollen. München. Ein weiteres Kooperationsprodukt ist die Kompaktkamera Leica C.